Vergesslich oder schon Demenz? 7 Unterschiede, die du kennen solltest



Gehirn verstehen · H.I.L.D. Gehirnmagazin

Du gehst in die Küche – und weißt plötzlich nicht mehr, was du dort eigentlich wolltest.

Du suchst deine Brille, obwohl du sie gerade noch in der Hand hattest.

Ein Name liegt dir auf der Zunge, aber du kommst einfach nicht darauf.

Und vielleicht schießt dir irgendwann dieser Gedanke durch den Kopf:

„Ist das noch normale Vergesslichkeit – oder beginnt so eine Demenz?“

Diese Sorge kennen viele Menschen.

Die gute Nachricht zuerst:

Nicht jede Vergesslichkeit ist ein Zeichen für Alzheimer oder eine andere Demenzerkrankung.

Unser Gedächtnis verändert sich mit zunehmendem Alter. Informationen können langsamer abrufbar sein, wir brauchen manchmal länger, um etwas Neues zu lernen, und gelegentlich etwas zu verlegen oder einen Namen nicht sofort zu finden, kann auch bei gesunden Menschen vorkommen.

Entscheidend ist deshalb häufig nicht die Frage:

„Vergesse ich manchmal etwas?“

Sondern:

„Wie verändert sich mein Denken – und beeinträchtigt es zunehmend meinen Alltag?“

1. Du vergisst einen Namen – oder du kannst einem Gespräch immer schwerer folgen

Fast jeder kennt diesen Moment:

Du triffst jemanden und der Name ist einfach weg.

Du weißt genau, wen du vor dir hast. Vielleicht fällt dir sogar ein, woher ihr euch kennt.

Nur der Name kommt nicht.

Eine halbe Stunde später ist er plötzlich wieder da.

Das kann im Rahmen normaler altersbedingter Veränderungen vorkommen.

Anders ist es, wenn Sprachprobleme häufiger auftreten und deutlich über gelegentliche Wortfindungsstörungen hinausgehen.

Bei einer Demenzerkrankung können beispielsweise Gespräche zunehmend schwieriger werden. Menschen verlieren häufiger den Faden, finden alltägliche Begriffe nicht mehr oder haben Schwierigkeiten, ihre Gedanken auszudrücken.

Der Unterschied liegt also nicht in einem einzigen vergessenen Wort, sondern im Muster und in der Entwicklung.

2. Du verlegst deinen Schlüssel – oder kannst nicht mehr nachvollziehen, wo Dinge hingehören

„Wo ist mein Schlüssel?“

Das ist noch kein Warnsignal für Demenz.

Wir alle verlegen Dinge.

Besonders dann, wenn wir gestresst sind, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen oder beim Ablegen gedanklich schon ganz woanders waren.

Aufmerksamer sollte man werden, wenn Dinge immer häufiger an ungewöhnlichen Orten landen und die Person anschließend nicht mehr nachvollziehen kann, wie sie dorthin gekommen sind.

Das National Institute on Aging nennt genau diesen Unterschied: Gelegentlich etwas zu verlieren kann zum normalen Altern gehören. Häufiges Verlegen und die Unfähigkeit, die Dinge wiederzufinden, können dagegen auf ein ernsthafteres Problem hinweisen.

3. Du vergisst einen Termin – oder neue Informationen verschwinden immer wieder

Auch ein vergessener Termin bedeutet nicht automatisch Demenz.

Viel interessanter ist:

Was passiert mit neuen Informationen?

Bei Alzheimer gehören Schwierigkeiten mit neu gelernten Informationen häufig zu den frühen Auffälligkeiten.

Eine Person erzählt etwas.

Kurze Zeit später wird dieselbe Frage erneut gestellt.

Die Antwort wird gegeben.

Wenig später kommt dieselbe Frage wieder.

Für Angehörige kann das manchmal wirken, als hätte die Person überhaupt nicht zugehört.

Doch möglicherweise liegt das Problem nicht einfach bei der Aufmerksamkeit.

Die neue Information wurde nicht zuverlässig gespeichert beziehungsweise kann nicht mehr zuverlässig abgerufen werden. Wiederholte Fragen und das Vergessen kürzlich gelernter Informationen gehören zu den möglichen frühen Alzheimer-Symptomen.

Das ist etwas anderes als:

„Mist, ich habe meinen Zahnarzttermin vergessen.“

4. Du weißt kurz nicht, welcher Wochentag ist – oder verlierst die zeitliche Orientierung

Du wachst morgens auf und denkst:

„Heute ist Donnerstag.“

Dann fällt dir ein:

„Ach Quatsch, heute ist Freitag.“

Das kann passieren.

Problematischer kann es werden, wenn die zeitliche Orientierung zunehmend verloren geht.

Welcher Monat ist gerade?

Welche Jahreszeit?

Warum bin ich hier?

Wann ist etwas passiert?

Menschen mit einer Demenzerkrankung können zunehmend den Überblick über Datum, Zeit oder Ort verlieren.

Auch hier ist der Unterschied wichtig:

Sich kurz zu irren und sich anschließend selbst korrigieren zu können, ist etwas anderes, als Orientierung zunehmend zu verlieren.

5. Du brauchst länger – oder vertraute Alltagsaufgaben funktionieren plötzlich nicht mehr

Mit zunehmendem Alter kann es durchaus vorkommen, dass wir für komplexe Aufgaben etwas mehr Zeit benötigen.

Das allein ist keine Demenz.

Ein wichtiges Warnsignal kann jedoch sein, wenn vertraute Tätigkeiten zunehmend Schwierigkeiten bereiten.

Zum Beispiel:

Rechnungen bezahlen.

Nach einem bekannten Rezept kochen.

Eine vertraute Strecke finden.

Mit Geld umgehen.

Mehrere Arbeitsschritte in die richtige Reihenfolge bringen.

Oder Geräte bedienen, die vorher selbstverständlich benutzt wurden.

Schwere Gedächtnis- und Denkprobleme unterscheiden sich von gewöhnlicher Vergesslichkeit gerade dadurch, dass sie zunehmend die Bewältigung des täglichen Lebens beeinträchtigen.

Eine sehr wichtige Frage lautet deshalb:

„Kann ich meinen Alltag noch so bewältigen wie früher?“

6. Du vergisst etwas – oder dein Umfeld bemerkt eine deutliche Veränderung

Manchmal fällt eine Veränderung zuerst dem Menschen selbst auf.

Manchmal sind es jedoch Partner, Kinder, Freunde oder Kollegen.

„Du fragst mich das jetzt zum dritten Mal.“

„Du hast dich auf dieser Strecke noch nie verfahren.“

„Früher hattest du deine Finanzen immer komplett im Griff.“

„Du wirkst in letzter Zeit häufig orientierungslos.“

Gerade Veränderungen, die neu sind, häufiger werden oder zunehmen, sollte man ernst nehmen.

Denn Demenz bedeutet nicht einfach nur Gedächtnisverlust.

Je nach Erkrankung können auch Sprache, Aufmerksamkeit, räumliche Wahrnehmung, Urteilsvermögen, Planung, Verhalten oder Persönlichkeit betroffen sein.

Das ist auch der Grund, warum der Satz

„Ich bin vergesslich“

allein noch sehr wenig darüber aussagt, was tatsächlich dahintersteckt.

7. Deine Vergesslichkeit schwankt mit Stress und Schlaf – oder verschlechtert sich zunehmend

Dieser Punkt ist besonders wichtig.

Gedächtnisprobleme können viele Ursachen haben.

Schlechter Schlaf kann die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Stress kann uns unkonzentriert und vergesslich machen.

Auch Depressionen und Ängste, Medikamente, Alkohol, Schilddrüsenerkrankungen, Vitamin-B12-Mangel und verschiedene andere Erkrankungen können Gedächtnisprobleme verursachen oder verstärken.

Deshalb bedeutet:

„Mein Gedächtnis ist schlechter geworden“

nicht automatisch:

„Ich habe Alzheimer.“

Genau deshalb ist eine medizinische Abklärung wichtig, wenn Veränderungen deutlich sind, zunehmen oder den Alltag beeinträchtigen.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob jemand vergesslich ist.

Sondern:

Warum?

Und was ist MCI?

Zwischen normalen altersbedingten Veränderungen und einer Demenz gibt es noch einen wichtigen Begriff:

MCI – Mild Cognitive Impairment, auf Deutsch meist als leichte kognitive Beeinträchtigung bezeichnet.

Menschen mit MCI haben stärkere Gedächtnis- oder Denkprobleme als für ihr Alter zu erwarten wäre.

Gleichzeitig können sie ihren Alltag häufig noch weitgehend selbstständig bewältigen.

Und jetzt kommt etwas ganz Wichtiges:

MCI bedeutet nicht automatisch, dass daraus Alzheimer wird.

Bei manchen Menschen entwickelt sich später eine Demenz, bei anderen bleiben die Beschwerden stabil oder haben andere Ursachen.

Deshalb sollte auch hier nicht vorschnell eine Diagnose aus einzelnen Symptomen abgeleitet werden.

Demenz ist nicht einfach „starke Vergesslichkeit“

Das ist vielleicht einer der größten Irrtümer.

Demenz ist ein Oberbegriff für Erkrankungen beziehungsweise Syndrome, bei denen kognitive Fähigkeiten so beeinträchtigt werden, dass sie zunehmend das tägliche Leben beeinflussen.

Alzheimer ist die häufigste Ursache einer Demenz – aber nicht die einzige.

Daneben gibt es beispielsweise vaskuläre Demenzen, Lewy-Körper-Demenz und frontotemporale Demenzen.

Und je nach Erkrankung muss Vergesslichkeit nicht einmal am Anfang im Vordergrund stehen.

Es können beispielsweise zuerst Veränderungen bei Sprache, Verhalten, Aufmerksamkeit, räumlicher Orientierung oder Urteilsvermögen auffallen.

Deshalb ist der Satz

„Sie kann sich doch noch an alles erinnern, also kann es keine Demenz sein“

genauso problematisch wie

„Ich vergesse Namen, also bekomme ich Alzheimer.“

Beides greift zu kurz.

Wann sollte Vergesslichkeit ärztlich abgeklärt werden?

Ein einzelner vergessener Name ist normalerweise kein Grund zur Panik.

Eine Abklärung ist aber sinnvoll, wenn Gedächtnis- oder Denkveränderungen neu auftreten, deutlich zunehmen oder den Alltag beeinträchtigen.

Besonders aufmerksam sollte man beispielsweise werden, wenn jemand:

  • immer wieder dieselben Fragen stellt,

  • sich an vertrauten Orten verirrt,

  • zunehmend Schwierigkeiten mit Rechnungen oder Geld bekommt,

  • vertraute Abläufe nicht mehr bewältigt,

  • häufiger zeitlich oder örtlich desorientiert ist,

  • deutliche Sprachprobleme entwickelt,

  • ungewöhnlich oft Dinge verlegt und sie nicht wiederfinden kann,

  • oder Angehörige eine deutliche Veränderung des Denkens oder Verhaltens bemerken.

Und vor allem:

Nicht aus Angst vor einer möglichen Diagnose warten.

Denn Gedächtnisprobleme können auch Ursachen haben, die behandelbar sind.

Also: Vergesslich oder schon Demenz?

Leider gibt es keinen einzelnen Alltagstest, mit dem man diese Frage zuverlässig beantworten kann.

Aber es gibt einen wichtigen Unterschied:

Normale Vergesslichkeit nervt uns häufig.

Eine krankhafte kognitive Veränderung beginnt dagegen zunehmend, unseren Alltag zu verändern.

Nicht der einzelne vergessene Name entscheidet.

Nicht der Schlüssel, den du einmal suchst.

Nicht der Moment, in dem du in der Küche stehst und nicht mehr weißt, was du holen wolltest.

Entscheidend ist das Gesamtbild:

Ist es neu?

Passiert es häufiger?

Wird es stärker?

Sind mehrere geistige Fähigkeiten betroffen?

Und beeinflusst es zunehmend den Alltag?

Vielleicht sollten wir deshalb weder jedes Vergessen dramatisieren noch zunehmende Veränderungen mit einem

„Das ist halt das Alter“

abtun.

Denn Demenz ist kein normaler Bestandteil des Alterns.

Unser Gedächtnis darf sich verändern.

Aber wenn sich unser Denken so verändert, dass unser gewohntes Leben schwieriger wird, verdient das Aufmerksamkeit.

Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Diagnostik oder Beratung. Gedächtnis- und Denkstörungen können zahlreiche Ursachen haben. Bei neuen, zunehmenden oder den Alltag beeinträchtigenden Veränderungen sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.

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