Menschen & Geschichten · H.I.L.D. Gehirnmagazin
Ein Mann möchte nach seinem Hut greifen.
Doch statt nach dem Hut greift er nach dem Kopf seiner Frau.
Nicht aus Spaß.
Nicht, weil er verwirrt oder unaufmerksam ist.
Sondern weil sein Gehirn in diesem Moment offenbar nicht richtig erkennt, was es vor sich sieht.
Diese außergewöhnliche Geschichte stammt vom Neurologen Oliver Sacks.
Sein Patient wurde unter dem Namen Dr. P. bekannt – und gab einem der berühmtesten Bücher der Neurologie seinen Titel:
„Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte.“
Dr. P. war kein Mann, der „nichts mehr verstand“
Dr. P. war Musiker und Musiklehrer.
Er war intelligent, gebildet und konnte sich unterhalten.
Seine Welt war keineswegs vollständig aus den Fugen geraten.
Und genau deshalb waren seine Schwierigkeiten so faszinierend.
Seine Augen funktionierten.
Er war nicht einfach blind.
Aber immer häufiger schien etwas zwischen Sehen und Erkennen verloren zu gehen.
Er konnte Dinge wahrnehmen – und trotzdem nicht zuverlässig verstehen, was er da eigentlich sah.
Er erkannte Gesichter nicht mehr richtig
Besonders auffällig waren seine Schwierigkeiten mit Gesichtern.
Dr. P. konnte Menschen teilweise anhand bestimmter Merkmale identifizieren.
Eine auffällige Nase.
Eine bestimmte Frisur.
Eine Stimme.
Eine besondere Bewegung.
Aber ein Gesicht als Ganzes zuverlässig zu erkennen, fiel ihm schwer.
Selbst vertraute Menschen konnten für ihn zu einem Rätsel werden.
Das zeigt einen entscheidenden Unterschied:
Etwas sehen und etwas erkennen sind nicht dasselbe.
Unsere Augen liefern dem Gehirn Informationen.
Aber erst das Gehirn muss daraus Bedeutung machen.
Es muss Formen, Farben, Konturen und einzelne Merkmale zu etwas Bekanntem zusammensetzen.
Ein Gesicht.
Eine Blume.
Einen Handschuh.
Einen Menschen.
Ein Handschuh wurde zu einem Rätsel
Oliver Sacks gab Dr. P. während seiner Untersuchung einen Handschuh.
Dr. P. betrachtete ihn genau.
Er konnte Merkmale beschreiben.
Eine zusammenhängende Oberfläche.
Mehrere Ausstülpungen.
Eine Art Behältnis.
Doch er erkannte zunächst nicht:
Das ist ein Handschuh.
Er analysierte das Objekt beinahe wie ein Wissenschaftler, der etwas vollkommen Unbekanntes vor sich hat.
Er sah Einzelheiten.
Aber die Bedeutung des Ganzen entstand nicht automatisch.
Erst als er den Gegenstand weiter untersuchte, gelangte er über seine Eigenschaften zu seiner Funktion.
Dieser Unterschied ist faszinierend:
Wir glauben häufig, dass wir unsere Umwelt einfach „sehen“.
Tatsächlich leistet unser Gehirn im Hintergrund permanent enorme Interpretationsarbeit.
Was ist eine visuelle Agnosie?
Störungen dieser Art werden unter anderem als visuelle Agnosien bezeichnet.
„Agnosie“ bedeutet vereinfacht, dass ein Mensch einen Sinneseindruck wahrnehmen kann, ihn aber nicht mehr auf die gewohnte Weise erkennt oder ihm die richtige Bedeutung zuordnet.
Je nachdem, welche Verarbeitung betroffen ist, können beispielsweise Gegenstände oder Gesichter Schwierigkeiten bereiten.
Bei Problemen speziell mit dem Erkennen von Gesichtern spricht man von Prosopagnosie.
Wichtig ist:
Eine Agnosie ist nicht dasselbe wie schlechtes Sehen.
Ein Mensch kann Konturen, Farben oder einzelne Merkmale wahrnehmen und trotzdem Schwierigkeiten haben, daraus das vertraute Ganze zu bilden.
Dr. P.s Fall war komplex und lässt sich nicht einfach auf ein einziges Symptom reduzieren. Gerade deshalb wurde seine Geschichte so bekannt.
Er sah Einzelheiten – aber verlor das Ganze
Oliver Sacks beschreibt bei Dr. P. immer wieder ein auffälliges Muster.
Der Patient konnte einzelne Details außerordentlich genau wahrnehmen.
Doch das Gesamtbild entglitt ihm.
Ein Gesicht wurde zu Augen, Nase, Mund und einzelnen Merkmalen.
Ein Gegenstand wurde zu geometrischen Formen.
Eine Landschaft konnte zu einzelnen Elementen zerfallen.
Was uns normalerweise vollkommen selbstverständlich erscheint – aus vielen Einzelinformationen augenblicklich eine bedeutungsvolle Welt entstehen zu lassen – funktionierte bei ihm nicht mehr zuverlässig.
Und plötzlich wird deutlich, wie unglaublich viel unser Gehirn jeden Augenblick leistet.
Dann kam die Musik
Doch Dr. P. hatte etwas, das ihm half, seinen Alltag zu strukturieren:
Musik.
Als Musiker war sein Leben tief von Melodien und Rhythmen geprägt.
Sacks bemerkte, dass Dr. P. viele alltägliche Handlungen mithilfe von Musik organisierte.
Er sang sich gewissermaßen durch seinen Alltag.
Anziehen.
Essen.
Waschen.
Handlungen konnten über Melodien und feste Abläufe miteinander verbunden werden.
Die Musik gab seinem Alltag eine Struktur, die ihm die visuelle Welt zunehmend weniger zuverlässig geben konnte.
Das ist vielleicht einer der berührendsten Aspekte seiner Geschichte.
Denn eine Fähigkeit war beeinträchtigt – während eine andere zu einer wichtigen Stütze wurde.
Und dann geschah die Szene mit seiner Frau
Am Ende einer Untersuchung wollte Dr. P. gehen.
Er suchte nach seinem Hut.
Und dann griff er nach dem Kopf seiner Frau.
Er hatte sie offenbar für seinen Hut gehalten.
Diese kurze Szene wurde so berühmt, dass Oliver Sacks sein gesamtes Buch nach ihr benannte.
Sie wirkt zunächst fast komisch.
Doch wenn man versteht, was dahintersteckt, verändert sich die Wirkung.
Dr. P. machte keinen albernen Fehler.
Seine Wahrnehmung der Welt funktionierte anders.
Das Gehirn, das normalerweise innerhalb von Sekundenbruchteilen erkennt:
„Das ist meine Frau.“
und
„Das ist mein Hut.“
konnte diese Bedeutungen nicht mehr zuverlässig aus den visuellen Informationen herstellen.
Was diese Geschichte mit Demenz zu tun hat – und was nicht
Dr. P.s Geschichte wird manchmal vorschnell in einen Topf mit Demenz geworfen.
Doch das wäre zu einfach.
Agnosien können bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen und Hirnschädigungen auftreten. Sie sind kein Beweis für Alzheimer und bedeuten nicht automatisch, dass ein Mensch dement ist.
Gleichzeitig können Störungen des Erkennens auch bei bestimmten neurodegenerativen Erkrankungen vorkommen.
Gerade deshalb ist es wichtig, nicht jedes ungewöhnliche Verhalten vorschnell als „Vergesslichkeit“ abzutun.
Manchmal liegt das Problem gar nicht darin, dass eine Erinnerung verschwunden ist.
Das Gehirn kann Schwierigkeiten haben, das Wahrgenommene überhaupt richtig einzuordnen.
Wir sehen nicht mit den Augen allein
Vielleicht ist das die faszinierendste Erkenntnis aus Dr. P.s Geschichte.
Unsere Augen können funktionieren.
Und trotzdem kann unsere Welt ihre Bedeutung verlieren.
Denn Sehen entsteht nicht nur im Auge.
Sehen entsteht im Zusammenspiel von Auge und Gehirn.
Wenn du morgens eine Tasse auf dem Tisch siehst, musst du nicht bewusst überlegen:
runde Öffnung,
Henkel,
Keramik,
Gefäß,
daraus kann man trinken …
Du weißt innerhalb eines Augenblicks:
Das ist eine Tasse.
Diese scheinbare Selbstverständlichkeit ist eine unglaubliche Leistung unseres Gehirns.
Erst wenn sie gestört ist, erkennen wir, wie komplex sie eigentlich ist.
Was bleibt, wenn eine Fähigkeit verloren geht?
Oliver Sacks interessierte sich nicht nur dafür, welche Funktion im Gehirn gestört war.
Er interessierte sich für den Menschen, der mit dieser Veränderung leben musste.
Und genau darin liegt für mich die Stärke seiner Geschichten.
Dr. P. war nicht einfach „der Patient mit einer Agnosie“.
Er war Musiker.
Er hatte Fähigkeiten.
Gewohnheiten.
Eine Beziehung.
Eine Persönlichkeit.
Und er hatte die Musik.
Vielleicht können wir aus seiner Geschichte deshalb noch etwas anderes lernen:
Wenn eine Fähigkeit verloren geht, sollten wir nicht ausschließlich auf den Verlust schauen.
Wir können auch fragen:
Was funktioniert noch?
Was gibt diesem Menschen Sicherheit?
Welche Fähigkeit kann eine andere unterstützen?
Wie können wir seine Umgebung so gestalten, dass er möglichst gut zurechtkommt?
Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte
Der Titel klingt kurios.
Fast wie der Anfang eines Witzes.
Doch dahinter steckt eine Geschichte, die eine der grundlegendsten Vorstellungen über unser Gehirn infrage stellt.
Wir glauben, dass wir die Welt einfach so sehen, wie sie ist.
Aber unser Gehirn muss diese Welt in jedem Augenblick neu zusammensetzen und ihr Bedeutung geben.
Dr. P. konnte sehen.
Doch manchmal konnte er nicht mehr erkennen.
Und vielleicht zeigt uns gerade seine Geschichte, wie außergewöhnlich etwas ist, das wir jeden Tag für vollkommen selbstverständlich halten:
Du öffnest die Augen – und dein Gehirn macht aus Formen, Farben und Licht eine vertraute Welt.
Hinweis
Dieser Beitrag basiert auf der von Neurologe Oliver Sacks veröffentlichten Fallgeschichte „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. „Dr. P.“ ist die von Sacks verwendete Bezeichnung für den Patienten. Die Geschichte dient der verständlichen Einordnung neurologischer Wahrnehmungsstörungen und erlaubt keine Rückschlüsse auf einzelne Menschen mit Gedächtnis- oder Wahrnehmungsproblemen.
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