Der Mann, für den die Zeit 1945 stehen blieb: Was passiert, wenn keine neuen Erinnerungen mehr entstehen?
Menschen & Geschichten · H.I.L.D. Gehirnmagazin
Stell dir vor, du wachst morgens auf.
Für dich ist das Jahr 1945.
Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei.
Du bist ein junger Mann von 19 Jahren.
Du hast dein Leben noch vor dir.
Dann schaust du in einen Spiegel.
Und aus dem Spiegel blickt dir ein Mann entgegen, der Jahrzehnte älter ist.
Genau diese erschütternde Erfahrung beschreibt der Neurologe Oliver Sacks in der Geschichte seines Patienten Jimmie G.
Sacks gab ihr einen Titel, der kaum treffender sein könnte:
„Der verlorene Seemann.“
Jimmie war intelligent, lebendig und voller Erinnerungen
Als Oliver Sacks Jimmie in den 1970er-Jahren kennenlernte, begegnete ihm keineswegs ein Mann, dessen gesamte Vergangenheit ausgelöscht war.
Ganz im Gegenteil.
Jimmie konnte lebhaft von seiner Jugend erzählen.
Von seiner Familie.
Von seiner Heimat.
Von seiner Zeit bei der US Navy.
Er erinnerte sich an Orte, Menschen und Erlebnisse.
Er konnte erzählen, rechnen, denken und sich unterhalten.
Seine Erinnerungen an die Zeit bis ungefähr zum Ende des Zweiten Weltkriegs wirkten erstaunlich lebendig.
Doch dann schien seine persönliche Geschichte abzubrechen.
Für Jimmie war es noch immer 1945.
Er glaubte, 19 Jahre alt zu sein
Oliver Sacks fragte Jimmie nach seinem Alter.
Jimmie hielt sich für einen jungen Mann.
Für ihn passte das vollkommen zu seiner Erinnerung an sein eigenes Leben.
Dann machte Sacks etwas, das ihm später selbst leidtat.
Er stellte Jimmie vor einen Spiegel.
Was dort geschah, zeigt mit erschreckender Klarheit, wie eng unser Gedächtnis mit unserem Gefühl für die eigene Identität verbunden ist.
Jimmie sah einen älteren Mann.
Doch dieser Mann konnte unmöglich er selbst sein.
Er erschrak.
Er war verwirrt.
Was war passiert?
War das ein Albtraum?
War er verrückt geworden?
Wie konnte ein 19-Jähriger plötzlich das Gesicht eines wesentlich älteren Mannes haben?
Sacks erkannte, welche Angst er ausgelöst hatte, und lenkte Jimmie ab.
Kurze Zeit später war die verstörende Situation für Jimmie wieder verschwunden.
Nicht weil er sie verarbeitet hatte.
Sondern weil er sie vergessen hatte.
Wenige Minuten konnten einfach verschwinden
Das war das eigentliche Ausmaß von Jimmies Störung.
Er hatte nicht nur große Lücken in seiner Vergangenheit.
Vor allem konnte er neue Erlebnisse nicht zuverlässig als dauerhafte Erinnerungen abspeichern.
Sacks verließ beispielsweise kurz den Raum.
Als er zurückkam, begrüßte Jimmie ihn wieder, als würden sie sich gerade zum ersten Mal begegnen.
Das Gespräch davor?
Verschwunden.
Die Begegnung?
Verschwunden.
Die vergangenen Minuten?
Für Jimmie kaum noch erreichbar.
Sein Bewusstsein bewegte sich immer wieder in einer unmittelbaren Gegenwart, ohne dass daraus zuverlässig eine fortlaufende persönliche Geschichte entstand.
Wenn das Kurzzeitgedächtnis funktioniert – aber die Erinnerung trotzdem verschwindet
Genau hier wird Jimmies Geschichte neurologisch besonders spannend.
Denn ein Mensch mit einer schweren Gedächtnisstörung muss nicht in jeder Sekunde vollkommen orientierungslos wirken.
Jimmie konnte sich unterhalten.
Er konnte Informationen kurzfristig behalten.
Er konnte Aufgaben lösen.
Aber nach kurzer Zeit waren neue Informationen wieder verloren.
Eine solche ausgeprägte Unfähigkeit, neue dauerhafte Erinnerungen zu bilden, wird als anterograde Amnesie bezeichnet.
Das bedeutet vereinfacht:
Informationen können im Moment vorhanden sein – aber sie gelangen nicht zuverlässig in eine Form, auf die später wieder zurückgegriffen werden kann.
Daneben hatte Jimmie auch große Erinnerungslücken für Teile seiner Vergangenheit.
Sein Problem bestand also nicht einfach darin:
„Er war vergesslich.“
Seine persönliche Zeitlinie war massiv gestört.
Was war mit Jimmies Gehirn passiert?
Oliver Sacks ordnete Jimmies Zustand dem Korsakow-Syndrom zu.
Dieses schwere neurologische Krankheitsbild entsteht typischerweise durch einen ausgeprägten Mangel an Vitamin B1, also Thiamin, und tritt besonders häufig im Zusammenhang mit langjährigem schweren Alkoholkonsum auf.
Dabei können Gehirnstrukturen geschädigt werden, die für Gedächtnisprozesse entscheidend sind.
Das Ergebnis kann eine massive Amnesie sein.
Wichtig ist dabei:
Nicht jeder Mensch mit Gedächtnisproblemen hat eine Demenz.
Und nicht jede schwere Gedächtnisstörung ist Alzheimer.
Jimmies Geschichte ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.
Aber was ist ein Leben ohne Erinnerung an gestern?
Hier geht Oliver Sacks über die reine Neurologie hinaus.
Denn Jimmies Fall stellte ihn vor eine viel größere Frage:
Was passiert mit unserer Identität, wenn wir keine fortlaufende Geschichte unseres eigenen Lebens mehr bilden können?
Normalerweise verbindet unser Gedächtnis einzelne Augenblicke miteinander.
Ich weiß, was ich gestern getan habe.
Ich weiß, mit wem ich gesprochen habe.
Ich erinnere mich an Entscheidungen.
An Fehler.
An schöne Momente.
An Menschen, die ich kennengelernt habe.
Aus all diesen Erinnerungen entsteht etwas, das wir kaum bewusst wahrnehmen:
das Gefühl einer persönlichen Geschichte.
Ich war gestern derselbe Mensch.
Ich bin es heute.
Und morgen werde ich meine Geschichte weiterschreiben.
Bei Jimmie war genau diese Verbindung schwer gestört.
War Jimmie deshalb nur noch im Augenblick gefangen?
Zunächst konnte es so wirken.
Sacks beschrieb ihn zeitweise als rastlos und verloren.
Beschäftigungen konnten ihre Bedeutung verlieren, sobald der Zusammenhang nicht mehr vorhanden war.
Ein Spiel war vorbei.
Eine Aufgabe beendet.
Ein Gespräch vergessen.
Und wieder begann etwas Neues.
Doch dann beobachtete Sacks etwas, das seine Sicht auf Jimmie veränderte.
Es gab Momente, in denen Jimmie plötzlich ganz bei sich war
Sacks sah Jimmie während eines Gottesdienstes.
Und dort wirkte er anders.
Nicht zerstreut.
Nicht verloren.
Nicht ständig auf der Suche nach dem nächsten Reiz.
Sondern ruhig.
Konzentriert.
Anwesend.
Auch bei anderen Tätigkeiten – etwa Gartenarbeit – konnte Jimmie zeitweise eine Form von Ruhe und Verbundenheit erleben.
Das führte Sacks zu einer entscheidenden Erkenntnis.
Vielleicht besteht ein Mensch nicht ausschließlich aus dem, woran er sich erinnern kann.
Vielleicht gibt es Formen von Identität, Verbundenheit und Bedeutung, die nicht vollständig davon abhängen, dass wir unsere Lebensgeschichte jederzeit erzählen können.
Gedächtnis ist mehr als Wissen
Jimmies Geschichte macht deutlich, wie unterschiedlich Gedächtnis funktionieren kann.
Wir sprechen im Alltag meistens von „dem Gedächtnis“.
Doch unser Gehirn besitzt nicht einfach einen einzigen Speicher.
Es gibt unterschiedliche Gedächtnissysteme.
Wir erinnern Fakten.
Erlebnisse.
Bewegungsabläufe.
Emotionen.
Gewohnheiten.
Musik.
Gerüche.
Menschen.
Und diese Systeme können unterschiedlich stark betroffen sein.
Ein Mensch kann deshalb möglicherweise nicht mehr sagen, wann etwas passiert ist – und trotzdem auf eine vertraute Melodie reagieren.
Er kann ein Gespräch vergessen – und trotzdem ein Gefühl von Sicherheit bei einem vertrauten Menschen erleben.
Er kann den Namen eines Ortes nicht mehr nennen – und trotzdem spüren, dass er sich dort wohlfühlt.
Vielleicht vergessen wir genau das manchmal bei Menschen mit Gedächtnisstörungen
Wir stellen Fragen.
„Weißt du noch, wer ich bin?“
„Weißt du noch, was wir gestern gemacht haben?“
„Erinnerst du dich daran?“
Und wenn die Antwort nicht kommt, erleben wir den Verlust.
Das ist menschlich.
Aber vielleicht sollten wir zusätzlich eine andere Frage stellen:
Was erreicht diesen Menschen noch?
Eine Stimme?
Eine Berührung?
Musik?
Ein vertrauter Geruch?
Ein Ritual?
Ein Gebet?
Eine Tätigkeit, die früher wichtig war?
Jimmies Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass ein Mensch mehr sein kann als die Erinnerungen, die er bewusst erzählen kann.
Der Mann, für den die Zeit stehen blieb
Für Jimmie G. war ein großer Teil seines späteren Lebens nicht in derselben Weise erreichbar wie seine Jugend.
Seine Geschichte wirkt deshalb zunächst unglaublich traurig.
Doch Oliver Sacks erzählt sie nicht nur als Geschichte eines Verlustes.
Er sucht nach dem Menschen hinter der neurologischen Störung.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Fall Jahrzehnte später noch immer berührt.
Denn er stellt uns eine Frage, auf die die Neurologie allein keine vollständige Antwort geben kann:
Wer sind wir, wenn unsere Erinnerungen verschwinden?
Vielleicht sind Erinnerungen ein wesentlicher Teil unserer Identität.
Aber vielleicht sind sie nicht alles.
Vielleicht bleiben Beziehung, Emotion, Vertrautheit, Musik, Bedeutung und das Erleben eines Augenblicks manchmal dort erhalten, wo die bewusste Erinnerung längst nicht mehr hinkommt.
Und vielleicht sollten wir deshalb bei einem Menschen mit einer schweren Gedächtnisstörung niemals nur fragen:
„Was hat dieser Mensch vergessen?“
Sondern auch:
„Was erreicht ihn noch?“
Hinweis
Dieser Beitrag basiert auf Oliver Sacks’ veröffentlichter Fallgeschichte „Der verlorene Seemann“ über den von ihm „Jimmie G.“ genannten Patienten. Die Geschichte beschreibt einen außergewöhnlichen neurologischen Einzelfall. Das Korsakow-Syndrom ist nicht mit einer Alzheimer-Demenz gleichzusetzen, und Gedächtnisstörungen können zahlreiche unterschiedliche Ursachen haben.
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