Menschen & Geschichten · H.I.L.D. Gehirnmagazin
Stell dir vor, ein Arzt zeigt dir ein Bild deines Gehirns.
Und dort, wo eigentlich eine komplette Gehirnhälfte sein sollte, ist – fast nichts.
Keine schwere Verletzung, die gerade erst passiert ist.
Kein frisch erlittener Schlaganfall.
Sondern ein Zustand, mit dem du offenbar schon dein ganzes Leben gelebt hast.
Genau das ist die außergewöhnliche Geschichte von Michelle Mack.
Sie wurde ohne eine funktionsfähige linke Großhirnhälfte geboren.
Und trotzdem lernte sie sprechen, lesen, absolvierte die Highschool und arbeitete später in der Datenerfassung für ihre Kirchengemeinde.
Michelles Geschichte gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen dafür, wozu ein sich entwickelndes menschliches Gehirn fähig sein kann. (CNN Transkripte)
Schon als kleines Kind war etwas anders
Nach ihrer Geburt ahnte zunächst niemand, was in Michelles Kopf anders war.
Erst während ihrer Entwicklung fiel auf, dass manches nicht so funktionierte wie bei anderen Kindern.
Es gab Schwierigkeiten mit Bewegung und Sehen und deutliche Entwicklungsverzögerungen. Die damalige Bildgebung lieferte zunächst keine ausreichende Erklärung.
Später wurde schließlich sichtbar, was kaum vorstellbar erschien:
Michelles linke Gehirnhälfte hatte sich nicht normal entwickelt.
Als mögliche Erklärung wurde vermutet, dass bereits während der Entwicklung im Mutterleib die Blutversorgung der linken Gehirnhälfte gestört gewesen sein könnte. Sicher geklärt wurde die Ursache jedoch nicht. (ABC Nachrichten)
Und damit begann für die Wissenschaft eigentlich erst die wirklich spannende Frage:
Wie konnte Michelle all die Dinge lernen, für die normalerweise auch die linke Gehirnhälfte eine wichtige Rolle spielt?
Eine Gehirnhälfte übernahm Aufgaben der anderen
Unser Gehirn besteht aus zwei Großhirnhälften, die eng miteinander zusammenarbeiten.
Bestimmte Funktionen sind dabei stärker in einer Hemisphäre organisiert als in der anderen. Bei den meisten Menschen spielt beispielsweise die linke Hemisphäre eine besonders wichtige Rolle für Sprache.
Michelle hatte diese linke Hemisphäre jedoch praktisch nicht zur Verfügung.
Trotzdem lernte sie zu sprechen.
Ihre verbleibende rechte Gehirnhälfte hatte während ihrer Entwicklung Funktionen übernommen, die normalerweise stärker von der fehlenden linken Seite getragen worden wären. (Internationale Psychoanalyse Archiv)
Und genau hier begegnen wir einem der faszinierendsten Begriffe der Neurowissenschaft:
Neuroplastizität
Neuroplastizität bedeutet vereinfacht gesagt, dass unser Gehirn kein unveränderliches, fertig verdrahtetes System ist.
Neuronale Netzwerke können sich verändern.
Verbindungen können verstärkt oder neu organisiert werden.
Und unter bestimmten Bedingungen können Gehirnbereiche Aufgaben mit übernehmen, für die ursprünglich andere Netzwerke vorgesehen waren.
Michelles Fall zeigt diese Anpassungsfähigkeit in einer extremen Form.
Weil die Veränderung offenbar bereits sehr früh in ihrer Entwicklung bestand, konnte sich ihr Gehirn von Anfang an unter völlig anderen Voraussetzungen organisieren. (ABC Nachrichten)
Das ist etwas ganz anderes, als wenn ein erwachsener Mensch plötzlich eine komplette Gehirnhälfte verlieren würde.
Neuroplastizität ist beeindruckend – aber sie ist keine Magie.
Michelle konnte erstaunlich viel – aber nicht alles
Gerade bei solchen Geschichten besteht die Gefahr, daraus eine sensationelle Schlagzeile zu machen:
„Eine halbe Gehirnhälfte reicht völlig aus.“
Das wäre falsch.
Michelle führte zwar ein erstaunlich selbstständiges Leben, aber die fehlende Gehirnhälfte blieb nicht ohne Folgen.
Sie hatte unter anderem Schwierigkeiten mit bestimmten abstrakten Zusammenhängen und verlor in unbekannter Umgebung schnell die Orientierung.
Auch einige räumliche Fähigkeiten waren beeinträchtigt.
Sie hatte Einschränkungen des rechten Gesichtsfeldes und körperliche Beeinträchtigungen auf der rechten Seite.
Außerdem berichtete sie über Schwierigkeiten bei der Regulation ihrer Emotionen. (CNN Transkripte)
Der Neurowissenschaftler Jordan Grafman beschrieb dabei einen wichtigen Gedanken:
Wenn die rechte Gehirnhälfte zusätzlich Funktionen übernimmt, die normalerweise stärker von der linken Seite verarbeitet werden, kann diese enorme Anpassungsleistung auch einen Preis haben.
Denn dieselbe Gehirnhälfte muss weiterhin ihre ursprünglichen Aufgaben bewältigen. (CNN Transkripte)
Neuroplastizität bedeutet also nicht:
Das Gehirn kann jeden Verlust vollständig ausgleichen.
Sondern:
Das Gehirn kann sich unter bestimmten Bedingungen erstaunlich weit an neue Voraussetzungen anpassen.
Und trotzdem führte Michelle ihr eigenes Leben
Mit 37 Jahren lebte Michelle bei ihren Eltern.
Sie arbeitete von zu Hause aus und erfasste Daten für ihre Kirchengemeinde.
Sie bezahlte Miete.
Sie konnte viele Aufgaben im Haushalt selbst erledigen.
Sie wusste gleichzeitig, dass sie auch weiterhin Unterstützung benötigen würde. (CNN Transkripte)
Und vielleicht ist genau das ein wichtiger Teil ihrer Geschichte.
Denn Michelle wollte nicht ausschließlich als medizinische Sensation betrachtet werden.
Sie wollte, dass Menschen verstehen:
Sie war ein Mensch mit Fähigkeiten und besonderen Bedürfnissen.
Nicht hilflos.
Aber auch nicht ohne Einschränkungen.
Sie entschied sich bewusst dafür, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen, damit andere Menschen mehr Verständnis für Menschen wie sie entwickeln. (CNN Transkripte)
Was Michelle uns über unser Gehirn zeigt
Michelles Geschichte ist spektakulär.
Aber wir sollten aus ihr nicht die falsche Schlussfolgerung ziehen.
Sie bedeutet nicht, dass wir nur die Hälfte unseres Gehirns brauchen.
Und sie bedeutet auch nicht, dass sich jedes geschädigte Gehirn einfach „neu verdrahten“ und vollständig heilen kann.
Was ihr Fall jedoch auf außergewöhnliche Weise sichtbar macht, ist etwas anderes:
Unser Gehirn ist anpassungsfähiger, als man lange angenommen hat.
Gerade während der frühen Entwicklung besitzt es eine enorme Fähigkeit, seine Organisation an außergewöhnliche Bedingungen anzupassen.
Diese Anpassungsfähigkeit begleitet uns grundsätzlich auch später im Leben – wenn auch nicht unbegrenzt und nicht in derselben Form wie beim sich entwickelnden kindlichen Gehirn.
Neuroplastizität findet beispielsweise statt, wenn wir lernen, üben, Bewegungsabläufe automatisieren oder neue Fähigkeiten erwerben.
Unser Gehirn verändert sich durch Erfahrung.
Vielleicht ist genau das die schönste Botschaft ihrer Geschichte
Michelle Mack wurde mit Voraussetzungen geboren, bei denen man erwarten könnte, dass viele alltägliche Fähigkeiten überhaupt nicht möglich wären.
Und doch fand ihr Gehirn Wege.
Nicht perfekte Wege.
Nicht ohne Grenzen.
Aber Wege.
Vielleicht sollten wir Neuroplastizität deshalb weder unterschätzen noch romantisieren.
Sie ist kein Versprechen, dass das Gehirn alles reparieren kann.
Aber sie zeigt uns etwas unglaublich Faszinierendes:
Unser Gehirn ist kein starres Gebilde.
Es reagiert auf das, was ihm begegnet.
Es organisiert sich.
Es lernt.
Es passt sich an.
Und manchmal kann diese Anpassungsfähigkeit Dinge möglich machen, die auf den ersten Blick kaum vorstellbar erscheinen.
Hinweis
Dieser Beitrag beschreibt den außergewöhnlichen Einzelfall von Michelle Mack. Aus einem einzelnen Fall lassen sich keine allgemeinen Aussagen darüber ableiten, welche Folgen das Fehlen oder die Schädigung einer Gehirnhälfte bei anderen Menschen hat. Ausmaß und Möglichkeiten neuroplastischer Anpassung hängen unter anderem vom Zeitpunkt, der Ursache und dem betroffenen Gehirngewebe ab.
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